Fabio Bundi: Wie ein Zürcher Bub zum Marlins Draft Pick wurde
Baseball und Schweiz. Zwei Begriffe, die in den Köpfen der meisten Menschen selten im gleichen Satz vorkommen. Genau diese Kombination hat im Sommer 2026 international für Schlagzeilen gesorgt, als die Miami Marlins beim MLB Draft einen Namen aufriefen, den bis dahin kaum jemand ausserhalb der kleinen Schweizer Baseballszene kannte: Fabio Bundi. Ein rechtshändiger Pitcher aus Zürich, der mit seinem Fastball auf über 150 km/h kommt und nun den Sprung in die Organisation eines Major League Baseball Teams geschafft hat.
Für die Schweiz ist dieser Moment historisch. Für Fabio Bundi selbst ist er der vorläufige Höhepunkt eines Weges, der auf einem kleinen Baseballfeld im Zürcher Quartier Schwamendingen begann und über eine Junior College in Kalifornien direkt zu einem der Traditionsprogramme der NCAA und schliesslich in die Organisation der Miami Marlins führte.
Der Draft: Ein historischer Moment für den Schweizer Baseball
Beim MLB Draft 2026 wählten die Miami Marlins Fabio Bundi in der elften Runde als Gesamtpick Nummer 325 aus, wie sowohl MLB.com als auch das Schweizer Fernsehen SRF übereinstimmend berichten. Zu diesem Zeitpunkt war der 22-jährige Zürcher bereits für die UCLA verpflichtet und spielte für das Monterey Peninsula College, eine Junior College Mannschaft in Kalifornien, wo er sich über zwei Saisons hinweg zu einem der besten Pitcher der California Community Colleges Association entwickelte.
Was diesen Pick so aussergewöhnlich macht, ist nicht nur die sportliche Leistung, sondern die Herkunft des Spielers. Laut MLB.com hat Bundi die Chance, der erste in der Schweiz geborene Spieler zu werden, der seit 1902 den Weg in die Major Leagues findet. Der letzte Schweizer vor ihm war Otto Hess aus Bern, der von 1902 bis 1915 für die Cleveland Bronchos beziehungsweise Naps und die Boston Braves spielte und dabei 70 Siege in seiner Karriere feierte. Hess war sogar Teil der legendären "Miracle Braves" von 1914, jenem Team, das als erstes in der MLB Geschichte von Tabellenletzter zum Meister wurde. Zwischen Hess und Bundi liegen also mehr als 120 Jahre Schweizer Baseballgeschichte, in denen kein einziger gebürtiger Schweizer den Sprung in die höchste amerikanische Profiliga schaffte.
Vom Tennisplatz zum Pitcher's Mound: Wie alles begann
Wer glaubt, Fabio Bundi habe schon als Kleinkind einen Baseballschläger in der Hand gehalten, irrt sich. Wie viele Schweizer Kinder spielte er zunächst Tennis und Fussball, die beiden Sportarten, die hierzulande den Alltag prägen. Erst im Alter von sieben Jahren entschied er sich, diese beiden Sportarten hinter sich zu lassen und sich stattdessen dem Baseball zu widmen, einer Sportart, die in der Schweiz ein absolutes Nischendasein fristet.
In einem Interview mit Yahoo Sports erzählte Bundi mit einem Lachen, wie unbekannt Baseball in seiner Heimat tatsächlich ist. Wenn er Leuten erzählt, dass er Baseball spielt, kommt oft die Rückfrage: "Welche Sportart? Schlägst du oder wirfst du?" Diese Anekdote zeigt eindrücklich, aus welch kleinen Verhältnissen heraus Bundis Karriere gewachsen ist. Es gab kein grosses Fördersystem, keine Traditionsvereine mit jahrzehntelanger Erfahrung und keine mediale Aufmerksamkeit, die ihm den Weg hätte ebnen können.
Bundi wuchs im Zürcher Baseballumfeld auf und spielte für die Zurich Barracudas Academy, einen der wenigen Vereine der Schweiz, die über eine geeignete Infrastruktur verfügen. Wie der Barracudas Academy Trainer Roger Savoldelli gegenüber dem Schweizer Fernsehen SRF erklärte, ist die fehlende Infrastruktur das grösste strukturelle Problem des Schweizer Baseballs. Es gibt kaum grosse Felder, die zur Ausbildung von Talenten geeignet sind, mit dem Heerenschürli in Zürich als einer der wenigen Ausnahmen.
Eine Baseballfamilie: Die Rolle von Bruder Livio Bundi
Ein Detail, das in der internationalen Berichterstattung oft untergeht, in der Schweiz aber zentral für Fabios Geschichte ist: Baseball ist bei den Bundis Familiensache. Sein älterer Bruder Livio Bundi spielte ebenfalls für die Zurich Barracudas und die Schweizer Nationalmannschaft und ebnete Fabio in vielerlei Hinsicht den Weg. Livio Bundi schaffte bereits 2022 den Sprung an ein amerikanisches College, das Ventura College in Kalifornien, und sammelte dort wertvolle Erfahrung im US-amerikanischen Collegebaseball, bevor er später sogar in Australien und Deutschland aktiv war.
Gemäss dem Portal WBSC Europe absolvierte Livio Bundi mehrere internationale Stationen, darunter die U23 Europameisterschaft Qualifikation und die Europameisterschaft 2023 mit der Schweizer Nationalmannschaft. In einem Beitrag von SRF Sport wird deutlich, wie sehr Fabio seinem älteren Bruder nacheiferte. Für den jüngeren Bundi war der Wechsel von Livio ans College ein zusätzlicher Ansporn, den gleichen Weg einzuschlagen, nur eben noch konsequenter weiterzugehen.
Bemerkenswert ist zudem eine wenig bekannte Randnotiz zu Livio Bundi: Er coordinierte während der Coronapandemie die erste nationale E-Sports Baseballliga Europas, die Swiss Baseball E-Sports League, nachdem er selbst ein MLB The Show Turnier gewonnen hatte. Dieses familiäre Umfeld, in dem Baseball auf ganz unterschiedliche Arten gelebt wurde, prägte auch Fabios frühe Jahre entscheidend.
Das Nationalteam-Debüt als jüngster Werfer der Schweiz
Ein zentraler Meilenstein in Bundis junger Karriere war sein Debüt für die Schweizer Nationalmannschaft an der Europameisterschaft 2023. Laut Baseball-Reference war er zu diesem Zeitpunkt der jüngste Pitcher im gesamten Schweizer Aufgebot. Sein erstes Länderspiel bestritt er ausgerechnet gegen Deutschland, wo er als dritter von insgesamt zehn eingesetzten Werfern in einer 15:5 Niederlage ins Spiel kam und dabei seinen Landsmann Cee-Jay Savoldelli ablöste.
Auch bei den U18 Europameisterschaften in London war Bundi als Nachrücker mit dabei, wie SRF Sport berichtete. Diese Auftritte auf internationalem Parkett gaben ihm nicht nur wertvolle Spielpraxis gegen gestandene europäische Nationalteams, sondern auch die Bestätigung, dass sein Talent über die Landesgrenzen hinaus konkurrenzfähig war.
Ein weiterer, wenig bekannter Fakt: Im Jahr vor seinem Draft führte Bundi die Schweizer Nationalmannschaft an der Europameisterschaft in Rotterdam laut SRF auf den historischen 11. Rang, das beste Resultat, das die Schweiz je an einer EM erzielt hat. Dieser Erfolg zeigt, dass Bundis Bedeutung für den Schweizer Baseball längst über seine eigene College- und Draft-Karriere hinausgeht.
Der Sprung nach Amerika: Monterey Peninsula College
Um sich sportlich weiterzuentwickeln, wagte Bundi den Schritt, den nur wenige Schweizer Nachwuchsspieler überhaupt in Betracht ziehen: den Wechsel in die Vereinigten Staaten. Er entschied sich für das Monterey Peninsula College in Kalifornien, eine Junior College Institution, die in den USA häufig als Sprungbrett für talentierte Spieler dient, die noch nicht direkt den Sprung an eine grosse NCAA Division I Universität schaffen.
Die Zahlen, die Bundi dort ablieferte, sind beeindruckend. In seiner ersten Saison 2025 erzielte er laut mehreren übereinstimmenden Quellen, darunter World Baseball Network und Yahoo Sports, eine Bilanz von 8 Siegen und lediglich 2 Niederlagen bei einem Earned Run Average von 2.20. In 86 geworfenen Innings strich er dabei 101 Batter durch Strikeouts aus, eine Quote, die ihn an die Spitze der California Community Colleges Association katapultierte.
Ein besonders herausragendes Spiel war sein komplettes Spiel gegen das Gavilan College am 5. April 2025. Über neun volle Innings erlaubte Bundi lediglich fünf Hits, keinen einzigen Run und erzielte 13 Strikeouts, was in einem 4:0 Shutout Sieg für sein Team resultierte. In insgesamt 12 seiner 15 Saisonspiele erzielte er fünf oder mehr Strikeouts, ein Zeichen für seine Konstanz auf dem Mound.
Die Unterschrift bei UCLA: Ein historischer Wechsel
Im November 2025 sorgte Bundi für die nächste Schlagzeile seiner noch jungen Karriere. Er unterschrieb bei den UCLA Bruins, einem der renommiertesten Collegebaseball Programme des Landes. UCLA Cheftrainer John Savage, der laut mehreren Berichten bereits Spieler wie Gerrit Cole und Trevor Bauer zu MLB Pitchern entwickelt hat, entdeckte Bundi an einem Showcase in Nordkalifornien.
Gemäss WBSC.org wurde Bundi damit zum ersten in der Schweiz entwickelten Baseballspieler, der in der Big Ten Conference antreten sollte. Andere Quellen wie Jeff Duda und World Baseball Network bezeichnen ihn zudem als den ersten in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Pitcher in der Geschichte der NCAA Division I. Diese beiden Einschätzungen unterstreichen, wie aussergewöhnlich sein sportlicher Werdegang tatsächlich ist.
Mit einem Fastball, der laut übereinstimmenden Berichten von Ohio Outlaws und Yahoo Sports bereits bei 95 Meilen pro Stunde liegt, umgerechnet gut 153 Kilometer pro Stunde, sowie einem scharfen Breaking Ball, der je nach Quelle als 12 zu 6 Curveball oder als spinreicher Slider beschrieben wird, brachte Bundi genau jenes Werkzeug mit, das Scouts in den USA aufhorchen lässt. MLB.com verweist zudem darauf, dass genau dieser Breaking Ball ihm half, die California Community Colleges Association in Strikeouts anzuführen. Bei einer Grösse von 1,88 Metern und einem Gewicht von rund 90 Kilogramm verfügt er zudem über den klassischen athletischen Körperbau eines modernen Power Pitchers.
Vorbilder und mentale Einstellung
Ein Aspekt, der Bundis professionelle Reife zeigt, ist die Art, wie er sich selbst weiterbildet. Anstatt sich nur auf das Training zu verlassen, verfolgt er laut eigenen Aussagen intensiv die Entwicklungen der MLB, studiert Wurfmechaniken und aktuelle Trends im Profibaseball. Als seine grössten Vorbilder nannte er gegenüber Ohio Outlaws den Cy Young Award Gewinner Paul Skenes von den Pittsburgh Pirates sowie Yoshinobu Yamamoto von den Los Angeles Dodgers, zwei Pitcher, die für aussergewöhnliche Wurfkontrolle und Präzision bekannt sind.
Bemerkenswert ist zudem, wie sehr sich Bundi trotz seiner Schweizer Herkunft bereits in die amerikanische Baseballkultur eingelebt hat. Mehrere Quellen betonen, dass sein Baseballwissen so tief ist, dass man ihm seine europäische Herkunft kaum anmerkt, abgesehen von einem leichten Akzent in seiner ansonsten fliessenden englischen Sprache.
Der aktuelle Stand: Zwischen College und Profikarriere
Mit dem Draft durch die Miami Marlins im Sommer 2026 steht Fabio Bundi nun an einem Scheideweg, der für viele College-Spieler typisch ist. Als Elftrundenpick besitzt er die Möglichkeit, entweder einen Profivertrag mit den Marlins zu unterschreiben und direkt in deren Farmsystem einzusteigen, oder aber sein Studium und seine sportliche Entwicklung an der UCLA fortzusetzen und sich für einen späteren Draft noch besser zu positionieren.
Diese Entscheidung hängt in der Regel von mehreren Faktoren ab, darunter das Signing Bonus Angebot der Organisation sowie die persönliche Einschätzung des Spielers und seines Umfelds bezüglich seiner langfristigen Entwicklungschancen. Unabhängig davon, wie sich Bundi entscheidet, hat er mit dem Draft Pick bereits jetzt einen Fixpunkt in der Schweizer Sportgeschichte gesetzt.
Für die Organisation der Miami Marlins ist Bundi ein Projekt mit Perspektive. Junior College Pitcher mit hoher Fastball Geschwindigkeit und gutem Breaking Ball gehören zu den Spielertypen, die MLB Organisationen gerne langfristig entwickeln, auch wenn der Weg bis zu einem Major League Debüt oft mehrere Jahre in den Minor Leagues erfordert.
Warum diese Geschichte weit über den Sport hinausgeht
Die Geschichte von Fabio Bundi ist mehr als nur eine sportliche Erfolgsmeldung. Sie zeigt exemplarisch, wie sich Baseball als globaler Sport zunehmend auch in Regionen etabliert, die traditionell nicht mit dieser Sportart in Verbindung gebracht werden. Wie es im Artikel von Ohio Outlaws treffend beschrieben wird, spiegelt Bundis Weg die wachsende Internationalisierung des Baseballs wider, bei der Spieler aus unerwarteten Regionen über Junior Colleges, Trainingsakademien und internationale Showcases den Weg in den amerikanischen Profibaseball finden.
Für die Schweizer Baseball- und Softball Föderation ist Bundis Aufstieg ein wichtiges Signal. Trainer wie Roger Savoldelli sehen in Erfolgsgeschichten wie jener von Bundi oder auch von Dominic Scheffler, der als erster Schweizer von den Cincinnati Reds gedraftet wurde, einen wichtigen Motivationsschub für den Nachwuchs. Junge Spielerinnen und Spieler im Land sehen nun konkrete Vorbilder, die beweisen, dass der Weg von einem kleinen Baseballfeld in Zürich bis in die Organisation eines MLB Teams tatsächlich möglich ist.
Fazit: Ein Name, den man sich merken sollte
Fabio Bundi steht sinnbildlich für das, was Baseball als Sportart ausmacht: harte Arbeit, Geduld und die Bereitschaft, einen unkonventionellen Weg zu gehen. Vom siebenjährigen Jungen, der Tennis und Fussball gegen einen in der Schweiz nahezu unbekannten Sport eintauschte, über die Stationen bei den Zurich Barracudas und der Schweizer Nationalmannschaft, bis hin zum Junior College in Kalifornien, der Unterschrift bei UCLA und schliesslich dem Draft durch die Miami Marlins, hat Bundi in wenigen Jahren einen aussergewöhnlichen Weg zurückgelegt.
Ob er am Ende tatsächlich als erster gebürtiger Schweizer seit Otto Hess im Jahr 1902 in einem Major League Spiel auf dem Mound stehen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch bereits jetzt: Fabio Bundi hat dem Schweizer Baseball ein neues Kapitel geschrieben und gezeigt, dass Träume von einer Profikarriere in Amerikas Nationalsport auch aus einem kleinen Land wie der Schweiz heraus real werden können.
Quellen
- MLB.com: 2026 MLB Draft Day 2 Complete Coverage
- ESPN: 2026 MLB Draft Tracker
- WBSC.org: Swiss right-hander Fabio Bundi to play for UCLA
- Baseball-Reference: Fabio Bundi Bullpen Profile
- Yahoo Sports: UCLA baseball signs pitcher Fabio Bundi
- Ohio Outlaws: UCLA Baseball Signs Swiss Pitching Sensation Fabio Bundi
- World Baseball Network: Swiss-Born Pitcher Fabio Bundi Makes History
- SRF Sport: Pitcher Fabio Bundi von den Miami Marlins gedraftet
- SRF Sport: Zürcher Baseball-Talente, Siemers und Bundi
- TeleZüri: Baseball-Brüder, Zürcher wollen an die EM
- WBSC.org: Swiss prospect Livio Bundi loves to play baseball year round
- Wikipedia: Otto Hess
- SABR: Otto Hess Biography Project



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